PDA

Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Als Interview getarnte Anzeige in der Philatelie



22028
15.11.2005, 05:50
In einer der letzten Ausgabe der Philatelie war eine als Interview getarnte Anzeige der Firma Philatelie Gärtner platziert.
Erst auf den 3. oder 4. Blick fand ich das kleine Wort "Anzeige" rechts oben", ansonsten hat sich die Anzeige in nichts von dem Redaktionellen teil unterschieden.
Auch wenn presserechtlich alles einwandfrei abgelaufen ist, ein seltsames Gefühl habe ich dabei schon…
Was haltet Ihr davon?

olikli
15.11.2005, 08:50
Mir ist der Hinweis "Anzeige" ehrlich gesagt gar nicht aufgefallen, und ich bin mir sicher, daß ich nicht der einizge bin.

Ich halte diese Methode, Werbung als seriösen Journalismus zu tarnen, für HÖCHST bedenklich. Die sogenannte Anzeige war quasi als "Aufmacher" gleich hinter dem Inhaltverzeichnis auf Seite 4 plaziert, und das noch unter der Rubrik "Philatelie aktuell"

Es ist nichts dagegen einzuwenden, über Unternehen zu berichten, schließlich interessiert es manche Leser auch mal, wie es "hinter den Kulissen" des Briefmarkenhandels zugeht. Dann aber bitteschön aus eigenem Antrieb der Redaktion und nicht gesponsort.

"Redaktionell" aufgemachte Anzeigen sind ja nun nichts Neues. Aber selbst in der Regenbogenpresse unterscheiden sie sich doch erkennbar vom redaktionellen Teil. In der seriösen Fachzeitschrift "Philatelie" dagegen ist die Anzeige hervorragend getarnt.

Ich darf den verantwortlichen Personen die "Richtlinien für redaktionell gestaltete Anzeigen" vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ans Herz legen (Link: http://www.wettbewerbszentrale.de/de/verhaltensregeln/anzeigen.asp?bereich=3 )

Dort heißt es insbesondere: "Eine deutliche Kennzeichnung liegt dann vor, wenn der Hinweis "Anzeige" - gemessen an dem Gesamt-Erscheinungsbild der Anzeige - durch Plazierung, Schriftart, -grad und -stärke den Durchschnittsleser bereits bei flüchtiger Betrachtung auf den Anzeigencharakter der Veröffentlichung aufmerksam macht."

Der Hinweis "Anzeige" ist hier so winzig, daß er geradezu darauf angelegt scheint, überlesen zu werden. Ich halte es durchaus für möglich, daß diese Anzeige vor Gericht nicht standhalten würde.

Eine Stellungnahme der Redaktion zu diesem Thema halte ich für dringend erforderlich.

sodrei
15.11.2005, 13:54
Wie das war eine Anzeige ....?????

ist mir garnicht aufgefallen.

Gut getarnt.

Ist die "philatelie" auch schon so weit

oh.

Grüße

Harald

iceland10
15.11.2005, 17:30
also ich gestehe ebenfalls, ich habe das kleine Kästchen "Anzeige" auch nicht gesehen.

Allerdings, beim Lesen dachte ich so für mich, na ja, liest sich fast wie Werbung! Im nach hinein könnte ich :D

Ich sehe das nicht so dramatisch, sollte so etwas öfters vorkommen, sprich jede Firma so etwas machen, dann ist der GAG weg und man achtet auch etwas sensibler darauf.

Deshalb muss man auch sagen, clever gemacht, da hatte jemand eine Idee ;)

Gruss
iceland10

Bill
15.11.2005, 20:55
Und ich dachte schon die DBZ und "philatelie" hätten voneinander abgeschrieben. :eek: Ich habe vielmehr über den großen Heißluftballon auf dem Titelbild geschmunzelt, Product Placement? :) Warum auch nicht? :cool:

Gruß: Bill

woma
16.11.2005, 09:00
Liebe Freunde,

zuerst einmal möchte ich mich entschuldigen, dass mir hier etwas unterlaufen ist, was sonst nicht Stil der "philatelie" ist und auch künftig nicht sein soll. Ihre Reaktion - auch bei der Abstimmung - zeigt, dass Sie ein sehr feines Gefühl für PR-Placement und richtiger Redaktion haben. Beides ist mir auch ein Anliegen, wenngleich es im konkreten Einzelfall schwer ist, dies genau zu trennen. Ich habe im kommenden Fachmagazin der AIJP (Bulletin 1/2006) hierzu einen längeren Artikel, wo ich auf die generelle Problematik näher eingehen werde.

Mit dem angesprochenen Beitrag im Novemberheft hat es eine besondere Bewandtnis. Ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, einen Beitrag zum Neubau der Fa. Gärtner etc. zu übernehmen. Ich habe dies grundsätzlich (ohne den angekündigten Beitrag zu der Zeit zu sehen) zugesagt, erhielt dann aber einen Beitrag, den ich so nicht bringen wollte. Daraufhin bot mir der Autor ein Interview an, das wohl auch in dieser Form im APHV-Magazin erschienen ist. Nun ist ein Interview authentischer, dachte ich mir und mir schwante nichts Böses, also sagte ich zu.

Grundsätzlich stimmte dies formal und in der Alltagstypischen Hektik - ständig auf Achse, kaum Zeit und viel zu viele Termine - werden die "philatelie"-Vorderseiten zuletzt hergestellt. Als ich das "Interview" sah, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Es war ein Interview, aber es entsprach dem Inhalt nach "nicht ganz" den Formalansprüchen eines Interviews, das auch kritische Fragen enthalten muss. Hier wurde die Form genutzt mit breiten offenen Fragen, um dem Befragten zu viel Gelegenheit zu bieten, sich und sein Angebot darzustellen.

Als mir dies bewusst wurde, habe ich die beiden Seiten in letzter Minute (ohne Rücksprache mit dem Autor, dafür war es zu spät) mit dem Hinweis "Anzeige" kennzeichnen lassen. Damit ist das Formalerfordernis und dem Wunsch des Deutschen Presserates Genüge getan. Der Hinweis ist m.E. durchaus sichtbar, gerade auf der zweiten Seite kann man ihn wohl kaum übersehen, falls man den Text liest.

Nur einiges noch zur Richtigstellung: die Seiten waren nicht gesponsort, ebenso wenig bezahlt wie die Titelseite, die den Ballon zeigt, der in Bruchsal gestartet ist (deshalb auch der Untertitel). Bezahlte Redaktion gab und gibt es bei der Redaktion "philatelie" nicht. Dass man heute aber kaum noch etwas fotografieren kann, ohne das man gleichzeitig Werbung im Bild hat, dürfte jedem aus Sport und Medien bekannt sein.

Die gleiche Problematik ergibt sich, wenn man über Handel berichtet. Selbst die Neuheitenberichterstattung hat ja durchaus eine werbliche Wirkung - dies liegt auf der Hand (den Unterschied zwischen werblicher Wirkung und direkt beabsichtigter werblicher Berichterstattung darf man allerdings bei mir als bekannt voraussetzen!). Buchrezensionen oder Meldungen über ArGen ebenso. Bei dem einen ist es willkommen, beim anderen erfährt es Kritik. Wer sich dieses Interview einmal näher anschaut, entdeckt natürlich auch durchaus den Informationsgehalt, wenngleich ich - das betone ich noch einmal - zustimme, dass ich den eigenwerblichen Anteil im Interview als zu stark empfand. Deshalb habe ICH den Hinweis "Anzeige" absetzen lassen, um genau darauf aufmerksam zu machen, denn dies ist eine Möglichkeit, werbliche Berichterstattung zu kennzeichnen. Eine irgendwie bezahlte Anzeige war es nicht; die Fa. Gärtner hat schon früher in der Zeitschrift Anzeigen geschaltet und wird es wohl auch künftig tun.

Was habe ich also aus dem "Zwischenfall" gelernt:

1. Dass unsere Leser sensibel sind (das wusste ich schon vorher)
2. Dass direkt werbliche Berichterstattung wenig erwünscht ist (bei mir auch nicht)
3. Dass man als verantwortlicher Redakteur JEDEN Text erst sehen und dann über die Aufnahme entscheiden sollte (ist eigentlich mein Prinzip; Ausnahmen bestätigen nur die Regel)
4. Dass ich dem Problem nur aus dem Wege gehen kann, in dem ich selbst all derartiges schreibe, dann weiß ich, was Sache ist
5. Dass ich mich irgendwann rückseitig dann erschießen muss, weil ich nicht alles kontrollieren und noch wenger alles selbst machen kann :)

Sie sehen, die Ansprüche sind hoch, die Folgen klar.

Was "oliklis" Unterstellung "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" angeht, so kann ich nach all dem Gesagten dem nur widersprechen, weil es einfach so nicht war. Insofern halte ich seine Methode, erst einmal etwas zu unterstellen , ohne vorher zu fragen, sondern einfach zu behaupten und dann noch - nahezu gönnerisch - Bedenklichkeiten anzumahnen für vergleichbaren Stil, den er bei anderen kritisiert. Denn das Interview hat genau dem - im "Antrieb" - entsprochen, was er verlangte: über einen Händler zu berichten, der seit Jahren eine Traumkarriere in Deutschland macht. Dieser ist mit seiner Philosophie und seinem Angebot zu Wort gekommen, so wie die Deutsche Post in jeder Ausgabe mit ihrem Angebot zu Wort kommt. Und sogar im Originaltext, denn wir veröffentlichen ganz bewusst deren Originalmitteilungen.

Oliklis Unterstellung war, dass diese Anzeige bezahlt war. Es ist genau umgekehrt: ich empfand diesen Text als zu stark werblich und habe ihn deshalb mit "Anzeige" kennzeichnen lassen, ohne dass dafür etwas gezahlt wurde! Diese Richtigstellung halte ICH "für dringend erforderlich", denn dies ist der hier relevante bedeutsame Unterschied und ich bitte dies auch zu sehen.

Glücklich macht mich der Vorgang deshalb trotzdem nicht. Und ich werde mit den Kollegen in der Fachpresse daran arbeiten, die Thematik weiter zu beleuchten. Über eines muss man sich hier aber auch im Klaren sein, gerade wenn man so moralisch die "Reinheit der Lehre" betont: der philatelistsiche Zeitschriftenmarkt geht auf dem "Zahnfleisch". In einer "Geiz-ist-geil-Kultur" haben alle Fachzeitschriften - und für die breche ich hier gerne eine Lanze - um ihr Überleben zu kämpfen. Denn verständlicherweise gehen nicht nur die Käuferzahlen von Katalogen oder Alben, nicht nur die Mitgliederzahlen von Verbänden und Vereinen zurück, sondenr kongruent und parallel auch die der Fachzeitschriften. ANZEIGEN finanzieren diese Fachzeitschriften und es gibt nicht wenige Anzeigenkunden, die gar mittlerweile die Schaltung abhängig von erwünschter Redaktion machen.

Die "philatelie" hat sich in diesem Jahr in einem ganz konkreten Fall einem solchen Wunsch verweigert, was sie eine Jahresschaltung im fünfstelligen Euroumsatz gekostet hat. Die Folgen dieses moralischen Verhaltens trägt der Leser, denn angesichts des schwachen Marktes und seiner Probleme kommt einem die "reine Moral" künftig teuer zu stehen. Man erkauft sie sich nur mit a) geringerem Umfang, b) geringerer Erscheinungsweise, c) bis hin zur Einstellung des Blattes. Das ist kein Horrorszenario, sondern Fakt, wie man z.B. mit Blick auf den internationalen Zeitschriftenmarkt gut sehen kann. Dem deutschen fachzeitschriftenmarkt steht Vergleichbares bevor.

Seien wir also vorsichtig, mit Steinen auf Flöhe zu werfen, - man könnte selbst getroffen werden! Des ungeachtet werde ich künftig noch genauer darauf achten, dass Sie keine Steine zu werfen brauchen und ich die Flöhe hüte. Okay?

Ihr

Wolfgang Maassen
Schriftleiter "philatelie"

olikli
16.11.2005, 09:53
@woma:

Zuallererst einmal vielen Dank für die ausführliche Darstellung. Ich bin froh, daß Sie bezahlten Gefälligkeitsjournalismus ebenso ablehen wie ich.



Was "oliklis" Unterstellung "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" angeht, so kann ich nach all dem Gesagten dem nur widersprechen, weil es einfach so nicht war. Insofern halte ich seine Methode, erst einmal etwas zu unterstellen , ohne vorher zu fragen, sondern einfach zu behaupten und dann noch - nahezu gönnerisch - Bedenklichkeiten anzumahnen für vergleichbaren Stil, den er bei anderen kritisiert.
...........
..........
Oliklis Unterstellung war, dass diese Anzeige bezahlt war. Es ist genau umgekehrt: ich empfand diesen Text als zu stark werblich und habe ihn deshalb mit "Anzeige" kennzeichnen lassen, ohne dass dafür etwas gezahlt wurde! Diese Richtigstellung halte ICH "für dringend erforderlich", denn dies ist der hier relevante bedeutsame Unterschied und ich bitte dies auch zu sehen.
Das kann ich allerdings so nicht stehen lassen!

Meine sogenannte "Unterstellung" beruhte auf der Tatsache, daß der Artikel als Anzeige gekennzeichnet war und ich demgemäß davon ausgehen mußte, daß Geld geflossen ist. Daß es de facto nun doch keine Anzeige war, sondern die Kennzeichnung nur aus Vorsicht geschah, kann man als unbefangener Leser ja nun wirklich nicht wissen.

Meine Reaktion hierauf als unsubstantiierte Behauptung darzustellen, halte ich für etwas weit hergeholt. Hätte ich denn vorher fragen müssen, ob es sich wirklich um eine Anzeige handelt, obwohl "Anzeige" darüber steht?

Viele Grüße,
Oliver Klimek

woma
16.11.2005, 14:21
Hallo Oliver,
ich möchte hier kein "Fass" aufmachen und wir brauchen uns auch nicht in der Sache zu streiten, da wir ja im Grundsätzlichen übereinstimmen.

Nur, bei Ihrer ansonsten ja sehr sachkundigen Darstellung hatte ich schon angenommen, dass Sie darum wissen, dass die Empfehlungen des Presserates etc. zur Sache genau eben die Kennzeichnung als "Anzeige" für werbliche Berichterstattung vorsehen, gerade auch dann, wenn diese nicht bezahlt ist, aber als zu stark werblich anzusehen ist.

Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass man vielleicht - bevor man sich ein Urteil schon gebildet hat - kurz anfragt, wie der genaue Sachverhalt ist. Aber ich gebe gerne zu, dass auch ich so manches Mal schneller urteile als alles intensiv zu recherieren. Also, nichts für ungut.

Letztlich bin ich ja eigentlich nur verärgert, nicht über Sie, sondern über mich.
Beste Grüße
Ihr

Woma