Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Abstempelung Infla-Marke 5 Tage vor Ersttag ?
Dirk Bake
27.05.2005, 23:32
Mir liegt eine lose DR 316 A vor, deren Abstempelung auf 15.10.23 lautet. Laut Michel ist sie aber erst am 20.10.23 an die Schalter gekommen. Nun frage ich mich dreierlei:
- Wurden während der Inflazeit in Stempeln häufiger als gewohnt falsche Zahlen eingestellt?
- Sind die im Michel genannten Ersttage nicht so ernst zu nehmen?
- Waren manche Menschen, die nach Außerkurssetzung massenhaft übriggebliebene ungebrauchte Marken mit rückdatierten Stempeln "entwertet" haben, dumm genug, den Ersttag nicht zu beachten?
Die Marke ist ja nicht wirklich hoch zu bewerten, aber dennoch würden mich Einschätzungen zu diesen Fragen interessieren.
Hallo Herr Bake,
zu Ihren Fragen kann ich aus Erfahrung folgendes sagen:
zu 1.) Diese Frage kann ich nicht beurteilen. Soweit ich weiß, sind Infla-Marken mit Datumsangabe außerhalb des betreffenden Gültigkeitszeitraumes zumindest mit einer gewissen Skepsis zu betrachten!
Einige Infla-Marken wurden auch noch Anfang 1924 verwendet. Diese Orte sind den Prüfern laut Infla-Band Nr. 48 bekannt.
Diverse Stempelarten (Bsp. 24h-Stempel, Wellenstempel) lassen sich schon aufgrund einer späteren Einsetzung im Postverkehr (nach 1923) als Stempelfälschungen auf Inflamarken erkennen.
Als sehr gutes Hilfsmittel und definitiv lesenswerte Lektüre kann ich den Infla-Band 48 "Gebrauchte Inflationsmarken - echt oder falsch?" wärmstens empfehlen!
zu 2.) Die normal Ersttagsdaten im Michel würde ich schon ernst nehmen, da an der Ausarbeitung des Manuskriptes meines Wissens nach auch der/die BPP-Prüfer des betreffenden Gebietes beteiligt sind. Ich habe den Eindruck, dass man eher das Tagesausgabedatum der Marke im Michel weglässt (nur Monatsangabe im Katalog), wenn das Datum noch nicht genau bekannt ist oder man es nicht veröffentlichen möchte (zur Vermeidung von besseren Fälschungen).
zu 3.) Zur nachträglichen Entwertung gab es vor allem 2 Möglichkeiten:
- Sammler stellten fest, dass Ihnen die ein oder andere gestempelte Infla-Marke fehlte und ließen ungebrauchtes Material meist rückdatiert am Postschalter von willigen Postbeamten entwerten (auch ohne genaue Kenntnis des Ausgabedatums). Hauptsache, die Marke war gestempelt im Album!
- nach 1923 annoncierten auch einige Briefmarkenhändler in der Fachpresse, dass sie bogenweise ungebrauchte Inflationsmarken gegen Gebühr stempeln lassen können.
Einige Stempel, hergestellt in der Inflazeit, wurden nie postamtlich eingesetzt (Diebstahl; auf dem Transport verloren gegangene Stempel) und tauchen heute als Stempelfälschungen auf. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde zumindest mit einem dieser Stempel in der Fachpresse zur Rückdatierung von Marken in den 20er Jahren geworben.
Die damaligen Neuerscheinungen kamen nicht immer zeitgleich an die Postschalter, teils wurden Marken nur an wenigen Schaltern verausgabt (Bsp. Mi-Nr. 307A). Erstausgabedaten wurden erst später recherchiert (Infla-Berlin) und dann oft veröffentlicht.
In den 20er Jahren hatten sich die vermutlich die meisten Sammler keine Gedanken gemacht, dass sie durch diese Möglichkeiten massenhaft Stempelfälschungen produzieren würden, die bis heute an Aktualität nichts verloren haben.
Einige ernsthafte Sammler störte dies zunehmends, so dass es Anfang der 30er Jahre zur Gründung des Vereins Infla-Berlin e.V. kam, wo man sich neben der der Stempelprüfung auch u.a. mit dem Aufbau einer Stempelsammlung und eines Seltenheitsregisters bis in die heutigen Tage befasst.
Gruß
Pete
Dirk Bake
28.05.2005, 22:37
Danke für die umfassende und sehr informative Antwort.
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